Lesen

Wer hat diesen Satz nicht schon einmal gehört? Ja, wir haben eine Vision, ein Buch möchten wir lesen. Ein besonders Buch soll es sein. Wir hüten diese Vision wie einen Schatz. Die Insel steht jedoch in weiter Ferne.

Was hindert uns daran, eine “Insel” im Alltag zu suchen? Es fehlt uns die Zeit. Es fehlt uns die Ruhe, sagen wir. Das ist richtig. Lesen hat eine ganz andere Dynamik. Beim Lesen gibt es nicht die Eile. Lesen kann nicht beschleunigt oder verkürzt werden.

Also brauchen wir die Insel doch? Brauchen wir die Langeweile?

Hier und jetzt beginnen, heißt es im Yoga. Warum nicht auch bei meinem Vorhaben, endlich das Buch zu lesen? Ich wollte es doch schon immer. Das Buch wartet förmlich auf mich.

Das Buch hat zu viele Seiten. Die Handlung ist zu kompliziert, das Lesen zu beschwerlich. Vielleicht interessiert mich das Thema gar nicht. Und dann die Frage, bringt es mir etwas? Wie kann ich das vorher wissen?

Es ist für mich nicht das Thema, das mich am Lesen fesselt. Beim Lesen erfahre ich mich selbst. Wie geht es mir, wenn ich auf etwas ganz Unbekanntes stoße? Wie kann ich mich innerlich einlassen auf das Geschehen, auf die Protagonisten?

Es gibt Bücher, die mich in heitere Stimmung versetzen, die mich beflügeln, die meinen Blick weiten. Es gibt Bücher, die mich in eine Welt mitnehmen, die ich normalerweise nicht selber erleben kann. Indem ich mich darauf einlasse und die Zeit vergesse, erlebe ich mich neu, in einer anderen Verfassung. Und mein Zeitgefühl erweitert sich.

 

Anikó Thesen