Hören, Zuhören

Vor kurzem machte ich eine tolle Erfahrung. In einem großen Auditorium saßen die Menschen in großer Spannung. Sie waren in Erwartung. Sie erwarteten eine schillernde Persönlichkeit, einen Menschen, der Ihnen bekannt war. Er ist ein Kabarettist, ein Fernsehmoderator.

Sie brachten ihm einen großen Applaus entgegen. So wie das oft geschieht, vielleicht als Begrüßung? Vielleicht auch als vorweggenommenen Dank? Bisher war ja noch nichts passiert.

Dann kam die Stille. Diese bekannte Persönlichkeit leitete diese Stille ein. Dann setzte er sich an ein schlichtes kleines Pult. Er lächelte alle an. Er nahm jeden einzelnen Zuhörer, Zuschauer mit seinem Blick wahr. Und nach dieser stillen Minute öffnete er das Buch.

Hören, Zuhören“Ich lese Ihnen was vor”, das waren seine einleitenden Worte. Und dann gab es nur noch das aufmerksame Zuhören.

Die kurze Geschichte, die er vorlas, “machte sich auf den Weg” zu den Zuhörern. Und sie kam an.

Wir erinnern uns alle noch an die Zeit in unserer Kindheit. Wir konnten noch nicht die Buchstaben zum Text umwandeln. Also wurde uns vorgelesen.

Dieses Vorlesen war meist ein Ritual zum Einschlafen. Und manche Geschichten waren auch nicht gerade beruhigend. Und trotzdem konnte man einschlafen.

Was war passiert? Vorlesen bedingt, dass man eng zusammensitzt. Die Hörweite und auch der gemeinsame Blick ins Buch verlangen dies. Diese Nähe ist die Zuwendung. Ich erinnere mich noch heute an vorgelesene Märchen und Gedichte. Und das Besondere: Ich habe bis heute in Erinnerung, was sie in mir auslösten. Und ich bin sicher, sie haben mich begleitet in meiner Entwicklung.

Als Erwachsene sind wir nicht mehr darauf angewiesen, dass uns jemand etwas vorliest. Wir haben das Lesen ja erlernt. Was unterscheidet das Vorlesen jetzt?

Es ist ein Zu-hören. Wir werden aufmerksam. Und mit dieser erhöhten Aufmerksamkeit nehmen wir viel mehr wahr als nur den Text. Der Intellekt erfasst den Inhalt, die Geschichte. Und das Herz ist bereit, die Botschaft aufzunehmen.

Genau das ist passiert in dem großen Auditorium. Eine kleine Geschichte, die vorgelesen wurde, ist angekommen. Sie hat alle erreicht. Und sie hat in ihnen etwas bewirkt, etwas was nachhaltig ist.

Anikó Thesen-Marosváry

 

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